Reproduktionszahl für Berlin: Aktuelle Bewertung per 4. Juni 2020

Aufgrund der im Berliner Covid19-Ampelsystem weiterhin überschrittenen Warnschwelle für die Reproduktionszahl (vgl. Pressemitteilung des Senats vom 2. Juni) habe ich auch heute eine Aktualisierung meiner Analyse hierzu durchgeführt. Grundlage hierfür sind die aktuellen Fallzahlen, welche vom Robert Koch-Institut mit Datenstand 04.06.2020, 0:00 Uhr bereitgestellt wurden.

Reproduktionszahl für Berlin heute

Meine komplexen Ansätze, welche sich am Erkrankungsbeginn orientieren, ermitteln für Berlin eine effektive Reproduktionszahl von

  • R = 0,92 (4 Tage) und
  • R = 0,99 (7 Tage).

Darüber hinaus ergibt sich ein R von 1,08 im Woche/Woche-Vergleich, welcher die wöchentliche Veränderung der Neuinfektionen analytisch in einen R-Wert überführt. Dieses Modell nutze ich insbesondere auf regionaler Ebene, wo sich aufgrund der geringen Fallzahl schnell überproportionale Schwankungen in der Reproduktionsziffer ergeben.

Der vereinfachte Ansatz, welcher sich an reinen Meldedaten orientiert weist ein R = 1,15 (vgl. unten). In diesem Kennzahlenvergleich, welcher bei mir täglich für alle Bundesländer läuft, zeigt sich per 4. Juni 2020 nur die Hansestadt Bremen mit einem höheren R-Wert, welchen ich heute auf 1,45 geschätzt habe.

Coronavirus in Berlin: Diagramm mit Fällen, Nowcasting und Schätzung der Reproduktionszahl per 4. Juni 2020

Nowcasting für Berlin

Das Nowcast-Modell deutet bezüglich täglicher Neuerkrankungen derzeit auf eine Bodenbildung hin. Für die vergangenen 17 Tage das Modell aus der Korrekturverteilung noch 137 Fälle zum Ansatz. Diese Größe schätzt die Anzahl der Covid-19-Infizierten, von denen angenommen wird, dass sie bereits jetzt erkrankt, aber noch nicht diagnostiziert und/oder gemeldet sind.

Im Tagesmittel pendelt sich die Hochrechnung derzeit bei etwa 25 bis 30 neuen Fällen täglich ein.

Tabelle mit Reproduktionszahl-Schätzung für Berlin
Tabelle mit Ergebnissen aus Nowcast und Schätzung der R-Ziffer für die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Covid19 in Berlin

In der Ex-post-Betrachtung, welche im Vergleich zu früheren Schätzungen inzwischen hinzugekommene elektronisch übermittelte Meldungen berücksichtigt und den Nowcast-Anteil mindert, wird der höchste R-Wert mit 1,53 für den 27. Mai 2020 (Erkrankungsbeginn) ausgewiesen. Dieser wäre in etwa auf den RKI-Berichtstag vom Montag, 1. Juni zu datieren.

R-Modell auf Basis Neumeldungen

Die vereinfachte R-Schätzung auf Basis von Neumeldungen beinhaltet 187 neu gemeldete Fälle in den vergangenen 7 Tagen (Betrachtung bis einschließlich 2. Juni 2020, Vortag noch nicht berücksichtigt, da durch Meldung im Tagesverlauf noch nicht komplett). Dem gegenüber stehen 147 neu gemeldete Fälle eine weitere Woche zuvor. Daraus ergibt sich ein Verhältnis von 1,27. Das entspricht in etwa einer Reproduktionszahl von 1,15 für eine Generationsdauer von 4 Tagen.

Damit liegen in meinen Modellen zwei der geschätzten R-Werte für Berlin über 1,0 - und das auch bereits über mehrere Tage. Die jüngst gemeldeten Fälle zeigen, dass es einen echten Kurzfrist-Trend mit steigenden Fallzahlen in den vergangenen beiden Wochen gab. Insofern handelt es sich bei der erhöhten Reproduktionszahl nicht ausschließlich um Modell-Effekte aus dem Nowcast. Vielmehr greift dieser genau diesen Trend in der Hochrechnung auf.

Einordnung

Es bleibt also weiter abzuwarten, ob es sich um eine Bodenbildung mit einigen Ausreißern um die Feiertage handelt, oder ob sich eine Trendumkehr darüber hinaus abzeichnet. Letztere wäre durch wieder steigenden Covid19-Fallzahlen und eine zunehmende 7-Tage-Inzidenz zu erkennen.

Die erhöhte Sensibilität, welche eine Ampel im Frühwarnsystem letztlich herstellen soll, ist auf jeden Fall gerechtfertigt. Die Reproduktionszahl sollte als Parameter darauf ausgelegt sein, zeitnah die Signale zu senden, die im Auge zu behalten sind. Wenngleich mir das RKI-Modell etwas zu sprunghaft erscheint, was auch am Wochenende auf Bundesebene erneut zu beobachten war, müssen wir lernen, mit Warnsignalen umzugehen. Nicht jede Warnung bestätigt sich hinterher auch als solche. Glücklicherweise. Die Aufmerksamkeit hingegen sollte bleiben.

Die Entwicklungen auf Bundesebene und auch in Berlin zeigen jedoch, dass die Reproduktionszahl in ihrer komplexen Form für die meisten Menschen eine 'Black Box' ist und wohl auch bleibt.

Einfacher ist manchmal mehr.

Wie die Berechnungen zeigen, können einfache Relationen wie Woche / Vorwoche und ein dazu konsistent abgeleiteter Reproduktionsfaktor die Nachvollziehbarkeit und Transparenz erheblich verbessern. Nichts wäre schlimmer als ein Indikator, dem niemand glaubt, wenn es wirklich ernst wird.

Dieser Beitrag wurde am 4.6.2020 um 13:20 Uhr überarbeitet und ergänzt.


 

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Andreas Wenzel Verfasst von:

Entwickelt und prüft als Consultant seit mehr als 15 Jahren Risikoquantifizierungs- und -steuerungsmodelle im bankaufsichtlichen Kontext.