Ampel auf rot: Wo liegt die Reproduktionszahl für Berlin heute?

Last updated on 4. Juni 2020

Reproduktionszahl steigt auf 1,95?

Für die Haupstadt Berlin wurde am 02.06.2020 durch den Senat eine Reproduktionszahl von 1,95 mitgeteilt (Focus berichtete). Da die Kennziffer nun schon drei Tage in Folge über 1,1 lag, springt die Berliner Ampel auf Gelb. Aus diesem Grund habe auch ich die Reproduktionszahl mit den aktuell gemeldeten Fallzahlen in meinen Modellen ermittelt. Wie stark ist die R-Ziffer gestiegen? Was zeigen meine Modelle?

Für die Stadt, in welcher ich einige Jahre lebte und gelegentlich Bankbetriebswirte im Fach Risikomanagement unterrichtete, rechne ich gerne nach.

Reproduktionszahl simpel

Mein simples Modell aus dem Woche-zu-Woche-Vergleich von Neuinfektionen besagt, dass Die Neuinfektionen (Meldungen) bis einschließlich 1. Juni auf demselben Niveau lagen wie in der Vorwoche (172 Fälle / 171 Fällen).

Daraus ergibt sich Auch bei Adjustierung auf eine Generationsdauer von 4 Tagen ein glatte R-Ziffer von 1,00. (vergleiche auch Reproduktionszahlen Bundesländer)

Berliner Reproduktionszahlen wissenschaftlich

Im komplexen Modell nach Erkrankungsbeginn zeigen sich für Berlin folgende Kennzahlen:

Reproduktionszahl-Berlin_2020-06-03
Tabelle der jüngsten Reproduktioszahlen für Berlin Anfang Juni 2020 inklusive Nowcast.

In diesen Expertenmodellen, welche unterschiedlich dynamisch reagieren, ermitteln sich ebenfalls Reproduktionszahlen um R=1 herum.

Für die 4-Tage-Reproduktionszahl war bis einschließlich 31. Mai 2020 drei Tage in Folge eine Kennzahl über 1,1 (Warnschwelle in Berlin) zu bestätigen.

Über den Nowcast sind für die aktuellen Tage noch bis zu 26 Fälle nach Erkrankungsbeginn hochgerechnet. Bereits gemeldete Fälle mit Erkrankungsbeginn nach dem 29.5. liegen aktuell noch nicht vor. In den Echtdaten war zwischen dem 25. und 27.5 eine kleine Spitze zu verzeichnen. Meine Vermutung ist, dass das RKI-Nowcasting hieraus einen steigenden Trend für die aktuellen Tage ableitet und prognostiziert,

Aktuell zeigt sich wieder ein rückläufiger Verlauf. Der aktuelle 4-Tage-R-Wert ist bei 0,82 zu sehen, wobei in diesen noch wenige "echte" Fälle und ein sehr hoher modellierter Anteil einfließt. Das gilt auch für den Wert von 0,79 vom 02. Juni 2020.

Diese Werte können sich - gerade nach einem verlängerten Wochenende - später nachträglich nach oben korrigieren. Das 7-Tage- und auch das Wochen-R weisen aktuell noch Werte von 1,1 oder darüber aus, welche sich auch mehrtägig gehalten haben.

Da diese Kennzahlen weniger sensitiv reagieren, ist auch ein geringeres Überschreiten der R-Marke von 1,0 durchaus als erster Trend anzunehmen.

Lagebewertung im Diagramm

Diagramm mit Covid19-Fällen und Nowcasting-Modellierung.

Auch der Blick ins Diagramm lohnt, um die Einschätzungen zu plausibilisieren. Mitte April hatte Berlin eine niedrige Reproduktionszahl zu verzeichnen, welche zwischen 0,65 und 0,80 schwankte (Skalierung im Chart logarithmisch). Seither zeigt sich ein ansteigender Trend von Reproduktionsraten, welche nach heutiger Einschätzung bis Mitte Mai durchgängig unter 1,0 lagen.

Seit Mitte Mai immer wieder Peaks über R=1,0

Einen ersten Peak hat die Hauptstadt mit Erkrankungsbeginn vor Himmelfahrt zu verzeichenen, also unmittelbar nach dem jüngsten deutlichen Lockerungskurs Anfang Mai. Charttechnish setzt sich auch der Trend zu steigenden Reproduktionsraten fort.

Das Modell selbst deutet auf eine Bodenbildung bei Covid19-Neuinfektionen mit möglicher Trendumkehr hin. Zu beachten ist jedoch, dass sich jüngere Fälle fast vollständig aus der Hochrechnung im Nowcast speisen. Im Prinzip bleibt abzuwarten, ob diese Fälle tatsächlich vorhanden sind, also in den kommenden Tagen zur Diagnose und Meldung kommen, oder sich das Modell hier verschätzt.

Ähnlich wird die Einschätzung auch im RKI-Modell aussehen, wobei dieses den Nowcast oft noch dynamischer modelliert als mein Vorgehen. Dort dürften die hier blauen Balken noch etwas höher ausfallen, was auch mit der kommunizierten Reproduktionszahl einhergeht.

Meine Einschätzung

Die aktuelle Einschätzung der Senatsverwaltung, hier gewarnt zu sein, lässt sich mit meinen Kennzahlen bestätigen. Extrem hohe Reproduktionszahlen wie 1,95 zeigen sich in meinen Modellen nicht. Das wäre in Anbetracht des stabilen Woche/Woche-Vergleichs auch nicht plausibel.

Dennoch kündigen sowohl mein Modell als auch das des RKI ganz offensichtlich eine Trendumkehr an. Ob sich diese dann mit Echtdaten bestätigt, wird sich noch zeigen müssen.

Für eine weitere Einordnung wären die zusätzlichen Meldungen nach Pfingsten abzuwarten und wissenschaftlich zu analysieren. Gewarnt sein? Ja. Alarmstimmung: Nein. Das wäre auch in Anbetracht des insgesamt überschaubaren Niveaus an Neuinfektionen überzogen und verfrüht.

Selbst wenn ich die immer wieder stattfindenden Sprünge in den RKI-Reproduktionszahlen selbst mit etwas Skepsis betrachte: Dass hier eine Ampel als Teil des Warnsystems aufleuchtet, ist begründet und sogar erforderlich. Ob es gleich eine rote Ampel sein muss, ist hingegen Geschmackssache.

Mit den absolut immer niedrigeren Fallzahlen scheint Berlin zudem etwas an die Grenzen der stochastisch serösen Modellierbarkeit einer Reproduktionszahl zu stoßen. Das betrifft das 4-Tage-R insbesondere.

Andreas Wenzel Verfasst von:

Entwickelt und prüft als Consultant seit mehr als 15 Jahren Risikoquantifizierungs- und -steuerungsmodelle im bankaufsichtlichen Kontext.

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