COVID-19: Geänderte Falldefinition des RKI und statistische Auswirkungen.

Last updated on 6. April 2020

Per 24. März 2020 hat das RKI die Falldefinition von Covid-19 gelockert. Unter bestimmten Voraussetzungen werden nun auch nicht labordiagnostisch bestätigte Fälle gemeldet und in die Zählung einbezogen.

Damit wird bei exponenziell steigenden Fallzahlen möglicherweise begrenzten Laborkapazitäten entgegengewirkt. In der Praxis war bereits zunehmend von Fällen zu hören, in denen auf Tests verzichtet und dem Patienten ein Auskurieren daheim bei Kontaktsperre empfohlen wurde. Diese Fälle wären neben der ohnehin vorhandenen Dunkelziffer nicht in der Statistik enthalten gewesen.

Gleichzeitig war zu erwarten, dass die Zahl der registrierten Neuinfektionen schlichtweg aufgrund begrenzter Laborkapazitäten einfriert. Mediziner müssten zunehmend entscheiden, wen sie noch testen und wen nicht. Durch die neue Falldefinition ist zwar auch das Risiko gegeben, dass Patienten positiv falsch als Covid-19 Fall eingestuft werden, weil sie Kontakt zu einem Infizierten und typische Symptome haben, die aber auch anderen grippalen Infekten zuzurechnen sein könnten.

Andererseits ist die Fehlerwahrscheinlichkeit dazu in der Phase aktueller Kontaktbeschränkungen eher als gering einzustufen.

Im Gesamtbild dürfte das geänderte Vorgehen die Qualität der statistischen Daten dennoch verbessern. Vor allem wird das Risiko gemindert, dass allein aufgrund begrenzter Laborkapazitäten zu früh Entwarnung gegeben wird. Dies könnte sich später als fatal herausstellen.

Unter dieser Abwägung scheint die neue Falldefinition durchaus probat. In der Zeitreihe der Neuinfektionen sollte daraus ein leichter statistischer Bruch entstehen, welcher aber geringer ausfallen dürfte als der statistische Bruch, welcher aufgrund von begrenzten Laborkapazitäten entstanden wäre. Damit wird einer sonst steigenden Dunkelziffer entgegengewirkt.

Die Risiken, die mit hohen Dunkelziffern einhergehen, sind in Italien und den USA deutlich zu sehen.

Soweit die neue Falldefinition von Medizinern verantwortungsvoll und mit Augenmaß umgesetzt wird, ist das geänderte Vorgehen des RKI aus meiner Sicht zu begrüßen.

Dennoch bleibt kritisch zu beobachten und durch spätere Antikörpertests im Nachgang zu validieren, wie groß die daraus resultierende Fehlerquote tatsächlich ist. Schließlich ist es auch für den einzelnen Betroffenen wichtig zu wissen, ob er tatsächlich infiziert war und nun vermutlich immun ist oder ob noch Ansteckungsgefahr besteht.

Link zur Falldefinition des RKI:
https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Falldefinition.pdf 

Andreas Wenzel Verfasst von:

Entwickelt und prüft als Consultant seit mehr als 15 Jahren Risikoquantifizierungs- und -steuerungsmodelle im bankaufsichtlichen Kontext.

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