Notfallbetreuung: Wie Banken und Kreditnehmer während der Corona-Krise im Regen stehen.

Last updated on 24. April 2020

Groß waren die Ankündigungen zum Sonderkreditprogramm zu Beginn der Corona-Krise, umso ernüchternder die Realität.

Wenn Banken Kredite ausreichen, müssen sie Risiken bewerten können. Sie müssen es immer - auch bei 10% oder 20%. Dabei geht es längst nicht nur um die Risiken des jeweiligen Kreditnehmers, sondern auch um die gesamte eigene Risikolage und Kapitalstruktur.

Infolge der Finanzmarktkrise 2007, aber auch schon davor, wurden die Anforderungen an das Risikomanagement und an die Kapitalausstattung von Banken deutlich erhöht - mit Erfolg. Viele Institute sind heute deutlich besser ausgestattet als früher.

Doch mit dem Eintritt einer Krise müssen sie ihre Risikolage neu einschätzen, um zu wissen was geht und was nicht. Die Bedeutung dessen reicht weit über die jeweilige Bank hinaus. Vielmehr geht es hierbei um die Stabilität des Finanzsystems als Ganzes und damit auch um Einlagenschutz sowie die Gewährleistung der Kreditvergabe.

Notfallbetreuung: Fehlanzeige.

Doch Notfallbetreuung für die Kinder der betroffenen Mitarbeiter? Keine Spur. Zwar dürfen sich Banken nun in Statements von Politikern die Rügen für ein teilweise gescheitertes Sonderkreditprogramm anhören.

Die MitarbeiterInnen und Experten, welche die Grundlagen dafür schaffen müssten und auch wollen, sitzen teilweise mit Kindern daheim. Sie versuchen, zwischen Hausaufgaben und Kinderbespaßung die täglich neuen Empfehlungen umzusetzen. Doch erstmal heißt es: Selbst Orientierung finden, um Bankgeschäft unter geänderten Vorzeichen zu ermöglichen. Das gilt übrigens nicht nur für Sonderkreditprogramme, sondern auch für das übliche Kreditgeschäft.

Vieles hängt an wenigen Spezialisten.

Manch Außenstehender stellt sich dabei wohl vor, dass es so einfach sein könnte: Ein kurzes Formular und auf geht's. Das muss doch jede Bankkauffrau und -mann können. Oder?

Gerechnet seit 2007 sind es dreizehn Jahre, in Wahrheit aber noch viele mehr, seitdem die Anforderungen an Kapital, Kreditprozesse und Risikomanagement Schritt für Schritt deutlich erhöht wurden: Politisch und aufsichtsrechtlich getrieben und hart sanktioniert, wenn nicht eingehalten.

Jetzt in der Krise soll es plötzlich schnell und pragmatisch gehen.

Viele Banker wünschen sich selbst nichts mehr als das. Doch im Hintergrund ist zu klären, welche der geschaffenen tausenden Regeln nun noch Gültigkeit besitzen, anders auszulegen sind, und was auch beim Alten bleibt.

Oft gehen mit diesen Änderungen auch technische Prozesse einher, die einer Anpassung bedürfen. Wir reden von Anpassungen, die normalerweise im Bereich von Großprojekten liegen würden.

Gefühlt mit einem Bein im Knast.

Ich selbst berate seit Jahren Bankvorstände und auch einige Aufsichtsräte habe ich während meiner Laufbahn beraten. Der Anspruch an adäquates Risikomanagement und dessen Überwachung ist hoch. Wer Vorstand oder Aufsichtsrat sein und bleiben möchte, sollte sich an die gesetzten Spielregeln besser halten. Bisher.

Nun in der Krise soll der spontane Kurswechsel her. Was jahrelang auf politischen Druck umgesetzt wurde, soll jetzt in einfach und anders gehen. Wie genau, ist noch schnell festzulegen.

In Pressekonferenzen wird die "Bazuka" angepriesen. Doch die Mitarbeiter und Spezialisten, die es dafür bräuchte, gehören seit einem Monat nicht zum systemkritischen Personal auf der politischen Agenda.

Zumindest hier in Thüringen, aber auch in anderen Bundesländern, ist eine Notfallbetreuung für deren Kinder nicht vorgesehen. Um es klarzustellen: Es geht hier nicht um zehntausende BankmitarbeiterInnen, sondern um einige wenige Spezialisten, welche für die Prozesse in Risikomanagement und Kreditgeschäft zuständig sind. Das Getriebe gerät, ins Stocken, weil auch übliche Notfallvertretungen in Banken nicht greifen können. Wenn plötzlich von außen auf dem Wege der Kinderbetreuung unfreiwillige Restriktionen auferlegt werden, welche in keinem Notfallhandbuch einer Bank vorkommen, ist die Verfügbarkeit der erforderlichen personellen Ressourcen eher ein Zufallsergebnis, welches für jedes Institut mehr oder weniger unglücklich ausfällt.

Kreditprozesse am Küchentisch neu organisieren.

Klar können MitarbeiterInnen aus Risikomanagement oder IT auch das eine oder andere von daheim tun. Wir reden aber gerade von echtem Krisenmanagement, welches nun im Homeoffice durchgeführt werden soll. Und das besteht nicht selten aus einem Küchentisch.

Kinderbetreuung daheim
Nur noch schnell die Kreditprozesse anpassen und dann die Kapitalanforderungen rechnen. (Foto: © Adobe Stock - famveldman)

Keineswegs handelt es sich um einige kleinere Kredite zu bearbeiten, sondern um die Prozesse und sowie komplexe Systeme, mit denen teilweise millionenschwere Finanzierungen für Mittelstand und auch Großunternehmen ausgereicht und auch verwaltet werden. Und wir sprechen von Prozessen, die letztlich dazu beitragen sollen, dass auch Arbeitsplätze und Existenzen gesichert werden - nicht irgendwann, sondern möglichst jetzt und schnell.

Auch die Gleichberechtigung steht auf dem Spiel.

Wenn wir Eltern mit Kindern in risikorelevanten Funktionen dann, wenn der Risikofall eintritt, nicht dasselbe Handeln ermöglichen, hat das mittelfristig einen hohen Preis. Verantwortungsträger müssten sich dann doppelt überlegen, wer auch dann da sein kann, wenn es darauf ankommt. Während in anderen Branchen der soziale Aspekt gerade zu recht besondere Aufmerksamkeit erfährt, wird er hier mal schnell die Chancengleichheit abgeschafft.

Es wird wohl tiefe Spuren hinterlassen, wenn Unternehmer und Führungskräfte jetzt live erleben, wer in der Krise kritische Funktionen auch praktisch ausfüllen kann und wer nicht. Das gilt übrigens nicht nur für Kreditinstitute.

Die Bankenaufsicht hat systemkritische Funktionen definiert.

Anfang April haben sowohl das Financial Stability Board (FSB) als auch die deutsche BaFin Position bezogen, welche Funktionen in Kreditistituten als systemkritisch anzusehen sind. Nationale und auch lokale Behörden wurden erbeten, nötige Tätigkeiten für diesen Personenkreis in Präsenz vor Ort zu ermöglichen. Klar betraf dies zunächst vordergründig Ausnahmeregelungen für die in einigen Ländern verhängten Ausgangsbeschränkungen und die Einstellung der Arbeit in nicht systemkritischen Unternehmen. Doch, wenn Mitarbeiter zur Kinderbetreuung daheim bleiben müssen, ist das Ergebnis für die jeweiligen Institute kein anderes.

Die Unterstützung im Bereich der Notfallbetreuung fehlt bis heute sowohl auf der Ebene der Institute, in einem heterogenen Bankenmarkt wie Deutschland aber auch auf der Ebene der Verbände und Rechenzentren, welche gerade in Phasen Veränderung eine essentielle beratende und koordinierende Funktion ausfüllen müssen.

Nicht nur bedauerlich, sondern auch riskant.

Dies ist nicht nur für die Kunden und die Banken selbst schwierig und im Zweifel mit weitreichenden existenziellen Konsequenzen verbunden. Es ist auch riskant. Jeder Fehler und jede Verzögerung kann neben vielen Arbeitsplätzen schnell zusätzliche Millionen kosten.

Es ist sehr leicht, immer mit dem Finger auf die Kreditinstitute zu zeigen, wenn keine Kredite ausgereicht werden, doch die Gründe dafür sind nicht selten regulatorisch getrieben Natur und in der aktuellen Phase noch viel mehr politisch hausgemacht.

Wer Finanzierungen gewährleisten will, muss die Ausübung von Schlüsselfunktionen auch ermöglichen, im Zweifelsfall auch inklusive Kinderbetreuung.

Die Kreditversorgung auf normalem Wege wäre dabei ebenso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, als die Umsetzung staatlicher Kreditprogramme, denn auch bei bestehenden Finanzierungen und Sicherheiten ist im Moment viel zu klären.

Die Systemrelevanz ergibt sich der Breite.

Was die Bankenaufsicht hingegen auf den Plan ruft, ist sicher nicht die Situation jeder einzelnen Bank oder Sparkasse. Ihr geht es um das Finanzsystem als Ganzes. Wenn in der Breite systemkritische Funktionen nicht funktionieren oder nicht so wie sie könnten, besteht die Gefahr, dass sich in der Summe aller Teile ein viel größeres Problem zusammenbraut.

Die Risikokonzentration aus der Verkettung verschiedener Einflüsse ist ohnehin schon gegeben. Per heute wird noch keiner abschätzen können, was das in letzter Konsequenz bedeutet. Was aber vermieden werden kann, sind die zusätzlichen Risiken, welche durch Engpässe in kritischen Funktionen zwangsläufig durch das gesamte Finanzsystem hindurch entstehen.

Kinderbetreuung dringend ermöglichen

Eine Ermöglichung der Kinderbetreuung für systemkritische Mitarbeiter wäre ein Schritt - auch für die Unternehmen, die jetzt stillstehen, wie auch für diejenigen, die systemrelevante Funktionen innehaben. Auch die wollen finanziert sein.

Eine systematische Einbindung von Sparkassen als Körperschaften des öffentlichen Rechts mit entsprechendem Auftrag wäre ein zweiter Schritt. Das Hausbank-Prinzip, welches sich zwar inzwischen durch weitere Kreditprogramme von Förderbanken etwas gelöst hat, war für mein Dafürhalten eine fehlgeleitete Idee. Es passt einfach nicht in die Welt wie Kreditinstitute bisher reguliert sind. Aus dieser Regulatorik ergeben sich in jeder Bank ganz individuelle Grenzen und die dürfen jetzt weder zum Vor-, noch zum Nachteil von Kreditnehmern werden.

Selbstverständlich sollten Hausbanken aller Art auch in der Lage sein, Fördermittel vermitteln zu können. Daraus eine Pflicht abzuleiten, ist wohl schwer möglich. Letztlich ist auch das - solange die Bank auch ins Risiko geht (selbst wenn nur mit 10%) - eine unternehmerische sowie ökonomische Entscheidung des jeweiligen Instituts. Und die Ausgangslage sieht dafür eben nicht in jeder Bank identisch aus.

Jeder Tag zählt und auch das Signal ist wichtig.

Bei risikorelevanten Entscheidungen ist Zeit das wichtigste Gut: Sowohl für die Institute als auch für die Kunden. Selbst wenn Lockerungen bereits in Aussicht sind und sich die Betreuungslage für Kinder in verschiedenen Altersklassen langsam entspannen wird, ist es mehr als empfehlenswert, die Notfallbetreuung für Kinder der entsprechenden MitarbeiterInnen ohne Verzug zu ermöglichen. Das Finanzsystem gehört eben auch zu den systemrelevanten Funktionen unserer Gesellschaft. Diese sollten wir nicht nur in guten Zeiten überwachen und regulieren, sondern auch im Ernstfall als solche behandeln und einbinden, um unnötige wirtschaftliche Schäden in der Gesellschaft zu vermeiden.

Abgesehen von dem, was jetzt in den kommenden Wochen durch eine Notbetreuung noch bewegt werden kann, geht es mit den geschaffenen Regelungen auch um ein Signal. Die Verlässlichkeit, dass Banken und Sparkassen bei einem erneuten Aufbrechen des Infektionsgeschehens mit MitarbeiterInnen in systemkritischen Funktionen auch dann rechnen können, wenn diese Kinder haben, sollte so bald wie möglich wiederhergestellt werden.

Stärken Sie Ihre Risikokommunikation und Ihre Entscheidungen

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Andreas Wenzel Verfasst von:

Entwickelt und prüft als Consultant seit mehr als 15 Jahren Risikoquantifizierungs- und -steuerungsmodelle im bankaufsichtlichen Kontext.


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