Tönnies-Ausbruch lässt Reproduktionszahl steigen. Wo läge die R-Zahl sonst?

Last updated on 25. Juni 2020

Der jüngste Coronavirus-Ausbruch in Gütersloh (NRW) lässt die Reproduktionszahlen steigen. Das Robert Koch-Institut meldete am Samstagabend Werte von 1,79 (4 Tage) und 1,55 (7 Tage). Verwiesen wird auf das vergleichsweise große Infektionsgeschehen im Schlachtereibetrieb Tönnies.

Die hohen Fallzahlen dort lassen den R-Wert im Umfeld sonst geringer Infektionen in Deutschland deutlich steigen. 

Wie hoch wäre die R-Zahl ohne Tönnies heute?

Mein Modell, welches im Nowcasting etwas moderater hochrechnet als das RKI, weist heute eine Reproduktionsrate von 1,40 für Deutschland aus. Gestern schätzte das Modell noch 1,20. Beide Werte entsprechen einem 7-Tage-R. (Die aktuelle Schätzung finden Sie hier.)

Um nun den aktuellen Einfluss dieses Infektionsgeschehens auf R zu bemessen, habe ich Gütersloh und die benachbarten Kreise Warendorf sowie Bielefeld ausgeblendet.

Reproduktionszahl ohne Gütersloh, Warendorf und Bielefeld (NRW) am 21.6.2020)

Ohne diese Landkreise schätzt mein Modell heute eine Reproduktionszahl von 1,08 für Deutschland, für gestern und vorgestern 1,10 aus heutiger Sicht.

Bei mir liegt R, getrieben durch das Infektionsgeschehen bei Tönnies, somit um etwa 30 Stellen höher also ohne selbiges. In der Schätzung des Robert Koch-Instituts dürfte diese Differenz wohl noch etwas höher ausfallen. Grund dafür ist, dass die Modelle in der Hochrechnung der Fälle für die aktuellen Stichtage etwas unterschiedlich ticken.

Gehen wir davon aus, dass das RKI durch zyklische Schwankungen am Wochenende oft ein etwas höheres R schätzt als mein Modell, könnte man das 7-tägige R des RKI vielleicht auf etwa 1,15 bemessen. So ergäbe sich zur R-Schätzung des RKI (1,55) beispielsweise ein Delta von 0,40. 

Covid19 Fallzahlen ohne Tönnies

Was steckt in meinem Modell aktuell dahinter?

Fallzahlen im Nowcasting-Modell "ohne Tönnies"

Ohne den Vorfall in Gütersloh würde das Modell derzeit mit 366 Corona-Fällen täglich rechnen. Davon entstammen in der jüngsten Stützstelle 119 Fällen aus dem Nowcasting. Das sind Fälle, für welche das Modell für den Erkrankungsstichtag bzw. den 7 tägigen gleitenden Zeitraum von späteren Nachmeldungen im entsprechenden Umfang ausgeht.

Fallzahlen im Modell mit Tönnies in Gütersloh

Nowcasting-Falldaten inklusive Tönnies

Inklusive des Tönnies-Vorfalls simuliert das Modell für die jüngsten beiden Stichtage mit 458 und 484 Fällen, also etwa 100 bis 120 am Tag mehr. Im Nowcasting selbst sind mit 124 am jüngsten Erkrankungsstichtag gerade 5 Fälle mehr in der Hochrechnung enthalten. Der Rest sind echte Fälle.

Möglicherweise fragen Sie sich jetzt, wo die restlichen der in den Medien bekanntgewordenen rund 700 Fälle verblieben sind. Die Antwort darauf ist relativ einfach: Die aktuellen Stichtage nach dem 17.6. gelten von den Datensätzen derzeit als noch unvollständig und für Hochrechnungen ungeeignet. Ein nicht unwesentlicher Teil der Tönnies-Fälle bewegt sich daher per heute noch hinter dem Horizont. Selbige werden sich dann in den R-Schätzungen der kommenden Tage sukzessive einreihen.

Rein modellseitig sind die betreffenden Nowcasting-Fälle beider Simulationen als systematischer Teil des Gesamtmodells anzunehmen. Eine derartige statistische Auswertung darf deshalb nicht dahingehend interpretiert werden, dass es sachgerecht wäre, Gütersloh und Umfeld gänzlich zu separieren (unsystematischer Einfluss) und jedem Teil "seine eigenen" Nowcasting-Fälle zuzuweisen. 

Konkret bedeutet das: In derselben Zeit werden vielleicht anderenorts weniger Fälle eingetreten sein als das Modell im Nowcasting erwartet hat. 

Andreas Wenzel Verfasst von:

Entwickelt und prüft als Consultant seit mehr als 15 Jahren Risikoquantifizierungs- und -steuerungsmodelle im bankaufsichtlichen Kontext.

2 Kommentare

  1. Giuseppe Marino
    1. Juli 2020

    Hallo Herr Wenzel,
    wir lernen ja zur Zeit jeden Tag dazu. Vielleicht sollte man den Begriff “Erkrankung” mit “Durch PCR-Test nachgewiesene Gen-Sequenz” ersetzen. Der Begriff “Krank” impliziert, dass die neu nachgewiesenen Fälle allesamt von Ärzten behandelt werden müssen – was aber nicht der Fall ist.
    Eine weitere Statistik sollte ebenfalls zu den Statistiken hinzugenommen werden, um die Gefärdungslage besser einschätzen zu können – die Zahl der mit Corona-Patienten belegten Krankenhausbetten. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1108578/umfrage/intensivmedizinische-versorgung-von-corona-patienten-covid-19-in-deutschland/
    Es gibt hierfür ebenfalls eine Landkarte, die zur Zeit sehr aufgeräumt ist. https://www.intensivregister.de/#/intensivregister
    Was nützt einem denn der reine R-Wert – wenn fast alle Neuinfizierten scheinbar einen asymptomatischen Verlauf haben – also nicht krank werden?
    Viele Grüße aus Bonn

    • Andreas Wenzel
      1. Juli 2020

      Hallo Herr Marino,
      danke für Ihre Rückmeldung. Bezüglich des Tönnies-Ausbruchs und einiger größerer Ausbruchsgeschehen, nach denen dann anlassbezogen breit getestet wird, ist die Überlegung sicher gerechtfertigt. Es sind definitiv Verschiebungen zu beobachten und damit auch mehr Personen in den RKI-Daten erfasst, die keine Symptome aufweisen. Mehrheitlich ist das aber bisher noch nicht zu bestätigen. Das kann man den Daten auch ganz gut entnehmen. Dazu gibt es auch einen Parameter im Modell, an dem ich das gut erkennen würde, doch der ist tatsächlich seit fast zwei Monaten (also nachdem das große Ausbruchsgeschehen “aufgeräumt” wurde) unverändert.

      Über die Begrifflichkeit kann man daher in der Tat trotzdem gut streiten. Hier stimme ich Ihnen zu. Statistisch hingegen halte ich die Verschiebungen in der Testpraxis (die hier ohne Zweifel stattfinden) und die Einflüsse daraus auf die Reproduktionszahl dennoch für vertretbar. Kurzum: Es gibt diese Verschiebungen, dennoch werden sie – wenn ich mir die alltägliche Datenlage ansehe – etwas heißer diskutiert als sie sich in ihren echten Auswirkungen darstellen.

      Für die Reproduktionszahl ist letztlich – egal, ob mit oder ohne asymtomatische Fälle – ausschlaggebend, dass die Testmethoden relativ stabil angewendet werden. Dann ist für mich alles in Ordnung, solange man davon ausgehen kann, dass der Teil der enthaltenen asymptomatischer Fälle ebenfalls relativ stabil bleibt. Bisher verlaufen die benannten Verschiebungen jedoch so träge, dass sie auf die Reproduktionszahl-Schätzungen nur geringen Einfluss haben. Ich werde es aber auch weiter beobachten, wenn jetzt Bundesländer wie Bayern in noch breitere Testings eintreten.

      Herzliche Grüße zurück
      Andreas Wenzel

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